Mitarbeiter- und Patientensicherheit

Nadelstichverletzungen in Europa (von Andreas Wittmann)

von: Mölnlycke Health Care, Januar 8 2014Beiträge: Mitarbeiter- und Patientensicherheit

Durch die Direktive 3020/32/EU soll ein europaweit einheitlicher Schutz Beschäftigter in Gesundheitsberufen vor Nadelstichverletzungen  erreicht werden. Diese, durch eine Einigung der großen Sozialpartner (EPSU für die Beschäftigten und HOSPEM für die Krankenhausbetreiber) im Konsens erstellte Richtlinie muss bis zum 10. Mai 2013 in allen Mitgliedstaaten der EU in nationales Recht umgesetzt werden.

Nadelstichverletzungen (NSV)  gelten europaweit als eines der großen Probleme im Arbeitsschutz, bereits im Jahr 2005 hatte eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO ergeben, dass Beschäftigte im europäischen Gesundheitsdienst durchschnittlich mit zwischen 0,64 Nadelstichverletzungen und 0,94 NSV pro Jahr rechnen müssen. Bezogen auf rund 8 Millionen Beschäftigte im Gesundheitssektor bedeutet dies jährlich über 5 Millionen derartige Unfallereignisse.[1]

Auffällig ist, dass sich sowohl die Häufigkeit der Verletzungen, als auch die Gefährlichkeit der Stichverletzungen innerhalb von Europa stark unterscheiden; auch die Datenlage hierzu ist stark unterschiedlich, so existieren für einige Länder mehrere sehr gute Studien, für andere gar keine.

Situation in Europa

Für das EU-Kernland Frankreich ermittelte eine Expertenkommission (GERES) auf Grundlage der Daten von 375 Krankenhäusern für das Jahr 2003 rund 32.000 gemeldete Nadelstichverletzungen pro Jahr bei einer geschätzten Meldequote von 50%. [2]

 

Für das sehr viel kleinere Belgien wurde auf Grund einer Erhebung zwischen 2003 und 2007 bei einer Meldequote von 49,5% auf über 12.000 tatsächliche Nadelstichverletzungen pro Jahr geschlossen. [3]

Auch in Spanien wurden mehrere wissenschaftlich sehr gute Datenerhebungen durchgeführt, die EPINETAC Daten belegen dort für die Jahre 1998 bis 2000 über 100.000 NSV pro Jahr.[4]

Für Irland liegen leider wenig verlässliche Zahlen vor, glaubt man diesen Studien wäre die Verletzungsquote in Irland mit nur 0,1 NSV pro Beschäftigtem und Jahr und absolut nur 6.000 Unfallereignissen auf einem international extrem niedrigen Niveau. [5]

Für Griechenland liegen ebenfalls sehr wenige verlässliche Zahlen vor, diese beschreiben eine ebenfalls rekordverdächtig niedrigen Verletzungsquote: Nur 2,4% der Beschäftigten im Griechischen Gesundheitssektor erleidet pro Jahr demnach eine NSV. [6]

Für Schweden suggerieren die veröffentlichten Daten ebenfalls extrem niedrige Verletzungsquoten von gerade einmal 5 gemeldeten NSV pro 1000 Beschäftigte und Jahr, was, wie die Studiendesigner selbst zugeben, nur durch eine extrem hohe Rate des „underreporting“ zu erklären ist. [1]

Achtundzwanzig Prozent der in Polen beschäftigten Pflegenden berichteten dagegen von einer NSV pro Jahr, was bei 174.000 Pflegekräften rund 50.000 derartige Unfälle pro Jahr bedeuten würde.[2]

Im Vereinigten Königreich belegen Studien mit 9% eine der niedrigsten Meldequoten von Nadelstichverletzungen. [3] Dennoch werden dort Nadelstichverletzungen zu den häufigsten Unfällen im Gesundheitswesen gezählt. [4] Die Zahl von 100.000 NSV pro Jahr würde dort eine Verletzungsquote von 0,38 Stichverletzungen pro Beschäftigtem und Jahr bedeuten. [5]

Die gute Studienlage in Italien ist dem Umstand geschuldet, dass dort bereits seit dem Jahr 1986 regelmäßig Versuche unternommen wurden, um die Anzahl und die Gefährlichkeit von NSV zu untersuchen. [6] Offiziell wurden im langjährigen Schnitt bei 120 an ein nationales Meldesystem angeschlossenen Krankenhäusern 26.000 derartige Verletzungen gemeldet, wobei Befragungen eine Meldequote  von rund 44% ergaben. [7]

Die Situation in Deutschland entspricht weitgehend dem europäischen Durchschnitt: Rund 50.000 beim größten Unfallversicherer (BGW) gemeldete NSV bestätigen die seit Jahren postulierten Zahlen von rund 500.000 tatsächlichen Nadelstichverletzungen pro Jahr. [8] Gerechnet auf volle Mitarbeiterstellen liegt die Quote in Deutschland bei rund 0,48 NSV pro Mitarbeiter und Jahr. [9]

Fazit

Nadelstichverletzungen zählen bis heute zu den häufigsten akzidentellen Unfallereignissen im Gesundheitsdienst. Mit jeder dieser Verletzungen ist das Risiko verbunden, gefährliche Infektionserreger vom Patienten auf Mitarbeiter zu übertragen. Die unterschiedlich verteilten Risiken für infektiöse Patienten könnten ein Grund für die sehr große Spannweite der postulierten Häufigkeit von NSV sein. In Schweden, das mit nur einer gemeldeten NSV pro 200 Mitarbeitern und Jahr einen weltweiten Spitzenplatz einnimmt, liegen die Prävalenzraten für die Erreger HCV, HBV und HIV ebenfgalls extrem niedrig, was sicherlich die Meldefreudigkeit nach Stichverletzungen herabsetzt.

Referenzen

[1]                 Prüss-Üstün A, Rapiti E, Hutin Y. Sharp Injuries: Global burden of disease from sharps injuries to heath care workers, Am J Ind Med. 2005 Nov 18;48 (6):482-490

[2]                 Elmiyeh B, Whitaker IS, James MJ, Chahal CA, Galea A, Alshafi K (2004)Needle-stick injuries in the National Health Service: a culture of silence. J R Soc Med 2004;7:326-7

[3]                 Leens E. Door het oog van de naald. Surveillance van accidenteel bloedcontact in Belgische ziekenhuizen. IPH/EPI Report 2008-xxx (in press)

[4]                 EPINETAC (2001) Estudio y seguimiento del riesgo biológico en el personal sanitario. Proyecto EPINETAC 1998-2000. Sociedad Española de Medicina Preventiva, Salud Pública e Higiene (SEMPSPH).

[5]                O`Rourke N, Bennett M, Porter J, Gallagher DJ, Shorten G. Universal precautions: do Irish anaesthetists comply? Ir J Med Sci 2000;169:211-214

[6]                Pournaras S, Tsakris A, Mandraveli K, Faitatzidou A, Douboyas J, Tourkantonis A (1999). Reported needlestick and sharp injuries among health care workers in a Greek general hospital. Occup Med (Lond). 1999;7:423-6

[7]                 Lymer UB, Schütz AA, Isaksson B. (1997) A descriptive study of blood exposure incidents among healthcare workers in a university hospital in Sweden. J. hosp. infect. 1997;35:223-235

[8]                 Bilski B (2005). Needlestick injuries in nurses--the Poznań study. Int J Occup Med Environ Health. 2005;3:251-4

[9]                 Elder A, Paterson C.Sharps injuries in UK health care: a review of injury rates, viral transmission and potential efficacy of safety devices. Occup Med (Lond). 2006 Dec;56(8):566-74. 

[10]                National Audit Office. A Safer Place to Work: improving the management of health and safety risks to staff in NHS trusts. Report by the Comptroller and Auditor General. HC623 Session 2002–2003. London: The Stationery Office 2003

[11]                Safer needles Network. Needlestick injury facts. http://www.saferneedlesnow.net/ (accessed 4 May 2004)

[12]                 Ippolito G, Puro V, De Carli (1993) The risk of occupational human immunodeficiency virus infection in health care workers. Italian Multicenter Study. The Italian Study Group on Occupational Risk of HIV infection. Arch Intern Med 153:1451-8

[13]                 Ippolito G, Puro V, Petrosillo N, De Carli G, and the Studio Italiano Rischio Occupazionale da HIV (SIROH) group. Surveillance of occupational exposure to bloodborne pathogens in health care workers: the Italian national programme. Eurosurveillance 1999;4:33-6

[14].              Wicker S, RabenauHF. (2007) Nadelstichverletzungen im klinischen Alltag - Ergebnisse der Frankfurter Nadelstichstudie, Trauma Berufskrankh 2007:1-5 Available at http://www.springerlink.com/content/356464671244250w/fulltext.pdf

[15]                 Clarke SP, Schubert M, Körner T (2007). Sharp-device injuries to hospital staff nurses in 4 countries. Infect Control Hosp Epidemiol. 2007;4:473-8

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